Die Realität des emissionsfreien Kühltransports: Wann sich der Einsatz von E-Reefern lohnt

Die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs macht auch vor der temperaturgeführten Logistik nicht halt. Elektrisch betriebene Kühlaggregate für Trailer – sogenannte e-Reefer – gelten als wichtiger Baustein in der temperaturgeführten Logistik, doch der wirtschaftliche Erfolg hängt maßgeblich von den jeweiligen Einsatzbedingungen ab.

Im Interview zu diesem Thema: Claudio Moretti, Commercial Director TIP Benelux und Arjan Versloot, Sourcing Manager bei der TIP Group. Beleuchtet werden die praktischen Anforderungen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Einsatzgrenzen elektrischer Kühltechnik.

„Jede Implementierung erfordert maßgeschneiderte Lösungen und wenn die einzelnen Puzzleteile wie Strecke, Last und Infrastruktur zusammenpassen, können die Ergebnisse sehr überzeugend sein. Das ist der Moment, in dem Lösungen einen spürbaren Unterschied machen und Technologie ihren Wert unter Beweis stellt“, sagt Claudio Moretti.

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E-Reefer: Zukunftstechnologie mit klaren Einsatzgrenzen

Für die Experten steht fest: Elektrische Kühlaggregate werden langfristig eine zentrale Rolle im Kühltransport spielen. Allerdings eignen sie sich derzeit nicht für jeden Anwendungsfall.

Ob ein e-Reefer wirtschaftlich und betrieblich sinnvoll eingesetzt werden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu zählen insbesondere Streckenprofile, Standzeiten, Ladungsarten, verfügbare Ladeinfrastruktur sowie die jeweilige Fahrzeugkonfiguration. Wie leistungsfähig diese Konzepte sein können, zeigt ein Praxistest des Vermieters mit einer großen Supermarktkette.

„In unserem Test mit einer großen Supermarktkette, wurde ein Trailer mit einer Rekuperationsachse, zur Energierückgewinnung, einsetzt. Der Trailer wurde im städtischen Verteilerverkehr eingesetzt, wo durch das ständige Bremsen und Beschleunigen der Generator die Batterie kontinuierlich mit Strom versorgte. Das Ergebnis war bemerkenswert. Mit dieser e-Reefer-Lösung lief der Trailer vierzehn Monate, ohne dass er jemals an eine Stromquelle angeschlossen werden musste“, erklärt Moretti.

Arjan Versloot sieht in der Pharmalogistik viel Potenzial für vollelektrische Kühllösungen.  „Ein weiteres gutes Beispiel ist ein Logistikunternehmen, das Medikamente an Apotheken verteilt“, fügt Versloot hinzu. „Dort sieht man, wie eine reine Batterielösung zuverlässig in einer vorhersehbaren Routine funktionieren kann. Diese Trailer stehen nachts zum Be- und Entladen an der Dockingstation, genau dort, wo sich die Ladeinfrastruktur befindet. Sie werden tagsüber zur Verteilung eingesetzt und nach ihrer Rückkehr sofort wieder aufgeladen. Da diese Strecken so vorhersehbar sind und das Ladefenster vollständig in den Betrieb integriert ist, ist in diesem Fall die reine Batterielösung optimal. Investitionen in die Achstechnologie zur Energierückgewinnung sind nicht erforderlich. “

 

Maßarbeit statt Standardlösung

Neben sehr positiven Resultaten aus Pilotprojekten, warnen die Experten dennoch vor pauschalen Erwartungen. „Gleichzeitig ist es eine Falle zu glauben, dass ein e-Reefer überall eingesetzt werden kann“, so Arjan Versloot. „Während ein Dieselmotor fast alles bewältigen kann, wobei die einzige Variable der Kraftstoffverbrauch ist, erfordert die elektrische Kühlung einen scharfen Fokus. Bei Dieselaggregaten spielt es keine Rolle, wie sie verwendet werden. Bei einer vollelektrischen Lösung muss genauer geplant werden. Die Größe des Batteriesatzes beispielsweise ist ein wesentlicher Faktor und muss an die Einsatzgebiete unserer Kunden angepasst sein. Wenn die Routen nicht vorhersehbar sind oder die Lademöglichkeiten fehlen, stößt die Lösung schnell an ihre Grenzen.“

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Analyse der jeweiligen Transportanforderungen zunehmend an Bedeutung. Eine intensive Beratung vor der Implementierung der jeweiligen Technologie wird zum entscheidenden Erfolgskriterium.

„Hier ist unsere Expertise besonders gefragt und die Beratung unserer Kunden steigt auf ein neues Level.  Damit unsere Kunden die passende Lösung für ihren Betrieb erhalten, müssen einige Fragen im Vorfeld geklärt werden: Wie oft wird die Tür geöffnet? Wie schwer ist die Last? Wie sieht die Ladeinfrastruktur entlang der Strecke und am Zielort aus? Heute gibt es kaum noch Standardlösungen. Entscheidend ist eine passgenaue Auslegung auf den jeweiligen Einsatzfall; angefangen beim Verständnis und Management der Energieflüsse innerhalb der eigenen Flotte.“

 

Energiebewusstsein wird zum Wettbewerbsfaktor

Mit der Elektrifizierung verändert sich nicht nur die Technik, sondern auch die Arbeitsweise in den Unternehmen.

„Der Übergang zu einem e-Reefer erfordert ein grundlegendes Umdenken sowohl bei den Planern als auch bei den Fahrern“, erklärt Versloot. „Eine Batterie hat einfach nicht die Kapazität eines Dieseltanks. Der Einsatz muss anders betrachtet. Technisch gesehen kühlt die Maschine genauso wie ein dieselbetriebenes Gerät, der wirkliche Unterschied liegt in der begrenzten Kapazität der Batterie. Wenn die Türen unnötigerweise geöffnet bleiben, muss der Kühlmotor diesen Verlust ausgleichen. Während ein Dieselmotor das mühelos aus seinen Reserven schöpft, wird man sich bei einer Batterie plötzlich jedes Kilowatts bewusst. Es gibt keinen Puffer, um den Abfall auszugleichen, wenn die Strecke ohne eine Zwischenlademöglichkeit auskommen muss. Das zwingt alle Beteiligten in der Kette zu einem wesentlich höheren Maß an Effizienz und Planung. Ich sehe das nicht als Einschränkung, sondern eher als positiven Anreiz, intelligenter mit Energie umzugehen. Diese Technologie fordert Anwender auf, ihren Energieverbrauch effizienter zu gestalten, als sie es bisher gewohnt waren.“

 

Ladeinfrastruktur: Häufig einfacher als gedacht

Als Hemmnis für die Einführung elektrischer Kühlaggregate wird häufig die Ladeinfrastruktur genannt. Nach Einschätzung von Arjan Versloot ist diese Sorge jedoch nicht immer berechtigt. „Die Anforderungen an die Ladeinfrastruktur fallen für E-Reefer häufig geringer aus als erwartet. Während der Ausbau von Schnellladeinfrastruktur für Elektro-Lkw vielerorts noch eine Herausforderung darstellt, können elektrische Kühlaggregate oft bereits über vorhandene CEE-Anschlüsse geladen werden. Moderne Systeme sind zudem für den Netzbetrieb während Standzeiten ausgelegt. Für viele Unternehmen stellt daher weniger die technische Infrastruktur als vielmehr die organisatorische Einbindung der Ladeprozesse die eigentliche Herausforderung dar.“

Die verfügbare Netzanschlussleistung bleibt jedoch weiterhin ein wichtiger Faktor. Je größer die Flotte und je höher die Anzahl gleichzeitig zu ladender Einheiten, desto stärker rückt die vorhandene Strominfrastruktur in den Fokus.

 

Wirtschaftlichkeit: Mehr als nur der Anschaffungspreis

Die Diskussion über e-Reefer wird häufig auf die höheren Investitionskosten reduziert. Aus Sicht der TIP-Experten greift diese Betrachtung jedoch zu kurz.

„Der ausschließliche Blick auf die Anfangsinvestitionen allein sagt nicht alles“, meint Versloot, „dies wird oft zu eng betrachtet.“

Während zu Beginn vor allem Nachhaltigkeitsziele den Einsatz elektrischer Kühlaggregate vorangetrieben haben, gewinnen inzwischen wirtschaftliche Argumente an Bedeutung. Steigende Dieselpreise und die Möglichkeit, selbst erzeugten Strom zu nutzen, verändern die Total-Cost-of-Ownership-Betrachtung zugunsten elektrischer Lösungen.

 

Zu den häufig unterschätzten Vorteilen zählen:

  • Nutzung eigener Energiequellen: Besonders attraktiv wird der Einsatz von E-Reefern dort, wo Unternehmen über eigene Photovoltaikanlagen verfügen. Wird überschüssig erzeugter Solarstrom für den Betrieb der Kühlaggregate genutzt, stärkt dies die Wirtschaftlichkeit der Lösung erheblich.
  • Höhere Restwerte: Die Wiederverkaufswerte elektrischer Kühlaggregate entwickeln sich bislang positiver als ursprünglich angenommen.
  • Weniger Wartungsaufwand: Motorbezogene Wartungsarbeiten entfallen vollständig. Lediglich die vorgeschriebenen Kältemittelkontrollen bleiben bestehen.

 

Vorteile im urbanen Verteilerverkehr

Besonders deutlich werden die Stärken elektrischer Kühlaggregate im städtischen Umfeld. Neben der Emissionsfreiheit spielt vor allem die Geräuschreduzierung eine wichtige Rolle.

Claudio Moretti berichtet, dass Fahrer zu Beginn meist eine kurze Eingewöhnungszeit benötigten. Im praktischen Einsatz würden sie sich jedoch schnell an die neue Technologie gewöhnen und die Systeme sicher bedienen. „Besonders im urbanen Verteilerverkehr spielt die geringe Geräuschentwicklung ihre Stärken aus. E-Reefer ermöglichen Anlieferungen zu Randzeiten, ohne die Lärmbelastung zu erhöhen. Für Flottenbetreiber ergeben sich dadurch zusätzliche Zustellfenster, ein breiterer Zugang zu sensiblen Innenstadtbereichen und mehr operative Flexibilität. Gleichzeitig profitieren Unternehmen von einem nachhaltigeren Markenauftritt. Trotz höherer Investitionskosten kann sich dieser Mehrwert langfristig auch wirtschaftlich auszahlen“, erläutert Moretti.

 

Praxistest als Einstieg

Für Unternehmen, die den Einstieg in die Technologie prüfen, empfiehlt der TIP-Experte einen pragmatischen Ansatz. „Da die Vorteile für Transportunternehmen in den richtigen Situationen so groß sein können, ist es wichtig, diese Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen“, schlussfolgert Claudio. „Wir unterstützen Flottenbetreiber bei Entscheidungsfindung und legen dafür unsere umfangreichen Daten aus unseren Praxiserfahrungen zu Grunde. Da wir herstellerunabhängig agieren, können wir alle vorhandenen Marken und Technologien anbieten, wobei wir ausschließlich die beste Lösung für den spezifischen Betrieb unserer Kunden in Betracht ziehen. Der einfachste und praktischste erste Schritt besteht darin, mit einer Testeinheit zu beginnen. Das ermöglicht es einem, die Technologie selbst im eigenen Betrieb zu erleben, bevor man eine endgültige Verpflichtung eingeht. Meiner Meinung nach ist das der beste Weg, damit zu beginnen.“

 

Fazit

E-Reefer sind keine universelle Lösung für jeden Kühltransport. Wo Strecken, Ladefenster und Infrastruktur jedoch aufeinander abgestimmt sind, können sie bereits heute ökologisch und wirtschaftlich überzeugen. Entscheidend für den Erfolg sind eine detaillierte Analyse des Einsatzprofils, ein bewusster Umgang mit Energie und die Bereitschaft, etablierte Prozesse neu zu denken.

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