Zwischen Diesel und E-Lkw: Warum Flexibilität zum Schlüsselfaktor der Flottenplanung wird

Die Transformation des europäischen Straßengüterverkehrs ist in vollem Gange. Während Politik und Industrie den Übergang zu emissionsärmeren Antrieben vorantreiben, stehen Transportunternehmen vor der Herausforderung, ihre Flotten für eine Zukunft auszurichten, deren Rahmenbedingungen vielerorts noch unklar sind. Neben regulatorischen Vorgaben beeinflussen technologische Entwicklungen, Infrastrukturfragen und wirtschaftliche Unsicherheiten die Investitionsentscheidungen der Branche.

Arjen Kraaij CEO TIP Group

 

Mit Blick auf das Jahr 2030: Was wird die größte Herausforderung für europäische Transportunternehmen bei der Planung ihrer Lkw- und E-Lkw-Flotten sein?

Eine der größten Herausforderungen besteht darin, langfristige Entscheidungen in einem Markt zu treffen, in dem viele Einflussfaktoren noch ungewiss sind.

Verlässliche Investitionszyklen gehören in vielen Unternehmen der Vergangenheit an. Heute müssen Unternehmen Investitionsentscheidungen treffen, obwohl zentrale Faktoren wie die Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur, die Entwicklung der Energiekosten oder die tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten neuer Antriebstechnologien noch nicht abschließend geklärt sind.

Elektro-Lkw gelten zwar als Schlüsseltechnologie für die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs, ihre Wirtschaftlichkeit hängt jedoch von zahlreichen Rahmenbedingungen ab. Faktoren wie Ladezeiten, Netzkapazitäten, Streckenprofile, Fahrzeugauslastung und Förderprogramme können die Gesamtbetriebskosten erheblich beeinflussen.

„Bei so vielen Faktoren, die sich gleichzeitig verändern, besteht die Herausforderung nicht mehr nur darin, das richtige Fahrzeug auszuwählen. Entscheidend ist vielmehr, genügend Flexibilität in die Flottenstrategie einzubauen, um sich an die Marktentwicklung anpassen zu können“, erklärt TIP-Group-CEO Arjen Kraaij.

 

Viele Fuhrparks werden auch in den kommenden Jahren weiterhin Diesel-Lkw einsetzen und sich gleichzeitig auf die Elektrifizierung vorbereiten. Wie gehen Transportunternehmen in dieser Übergangsphase mit Investitions- und Ersatzentscheidungen um?

Trotz zunehmender Investitionen in alternative Antriebe werden Diesel-Lkw auch in den kommenden Jahren eine tragende Rolle im europäischen Straßengüterverkehr spielen. Dazu tragen insbesondere die langen Nutzungszyklen von Nutzfahrzeugen bei. Fahrzeuge, die heute angeschafft werden, bleiben häufig sieben bis zehn Jahre oder länger im Einsatz. Vor diesem Hintergrund überdenken viele Unternehmen ihre Ersatz- und Investitionsstrategien. Neben der Frage, wann ein Fahrzeug ersetzt werden sollte, rückt die Überlegung in den Fokus, in welchen Einsatzbereichen sich Elektro-Lkw bereits wirtschaftlich sinnvoll integrieren lassen.

 

Elektro-Lkw gelten derzeit als die am weitesten entwickelte emissionsfreie Technologie. Gleichzeitig wird intensiv über alternative Antriebskonzepte diskutiert. Wird sich eine Technologie durchsetzen?

In der Branche besteht weiterhin keine Einigkeit darüber, welche Antriebstechnologie sich langfristig durchsetzen wird. Batterieelektrische Fahrzeuge haben in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht und werden bereits in zahlreichen Anwendungen erfolgreich eingesetzt. Gleichzeitig unterscheiden sich die Anforderungen zwischen urbaner Distribution, regionalem Verkehr und Ferntransport erheblich.

„Anstatt nach einem einzigen Sieger zu suchen, sollten Unternehmen analysieren, bei welchen Anwendungen die jeweilige Technologie einen überzeugenden wirtschaftlichen und operativen Nutzen bietet“, sagt Kraaij.

Praxiserfahrungen aus dem laufenden Betrieb gewinnen an Bedeutung. Wer bereits Elektro-Lkw einsetzt, sammelt wichtige Erkenntnisse zu Ladeprozessen, Routenplanung und Fahrzeugauslastung. Diese Erfahrungen fließen zunehmend in zukünftige Investitionsentscheidungen ein. Dabei zeigt sich häufig, dass zusätzliche Maßnahmen notwendig sind, um ein mit Diesel-Lkw vergleichbares Leistungsniveau zu erreichen.

 

In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag über Trailer-Refurbishment wurde beschrieben, wie Vorstände die Themen Asset-Strategie, Kapitalallokation und Nachhaltigkeit zunehmend zusammen betrachten. Wie lässt sich dieser Ansatz auf Elektro-Lkw übertragen?

Während sich Investitionsentscheidungen früher vor allem an Anschaffungs- und Betriebskosten orientierten, rückt heute das gesamte Ökosystem einer Flotte in den Fokus. Gerade bei Elektro-Lkw spielen Themen wie Ladeinfrastruktur, Energieversorgung, Wartungskonzepte und Einsatzprofile eine entscheidende Rolle. Für Unternehmen geht es daher zunehmend um die Frage, wie Flotteninvestitionen die langfristigen Unternehmensziele unterstützen und welchen Beitrag einzelne Technologien zur Wettbewerbsfähigkeit leisten können.

 

Wie verändert das die Anforderungen an das Flottenmanagement?

Mit der parallelen Nutzung unterschiedlicher Antriebskonzepte steigen auch die Anforderungen an das Flottenmanagement. Unabhängig von der genutzten Technologie bleibt die Fahrzeugverfügbarkeit eine der wichtigsten Kennzahlen für Transportunternehmen. Kunden erwarten zuverlässige Lieferketten und eine hohe Servicequalität. Entsprechend müssen Betreiber sicherstellen, dass sowohl Wartung als auch technischer Support für die eingesetzten Fahrzeuge verfügbar sind. Die Herausforderung besteht darin, neue Technologien in bestehende Prozesse zu integrieren, ohne Abstriche bei Zuverlässigkeit und Servicequalität machen zu müssen.

 

Welche Risiken und Verantwortlichkeiten sollten Unternehmen heute berücksichtigen, wenn sie zwischen Kauf, Leasing oder Miete entscheiden?

Die Frage nach dem richtigen Finanzierungsmodell gewinnt angesichts des technologischen Wandels zusätzlich an Relevanz. Eigentum bietet insbesondere bei stabilen Einsatzprofilen und langfristiger Planbarkeit Vorteile. Allerdings tragen Unternehmen dabei alle Risiken rund um die Finanzierung, Wartung, Ausfallzeiten und Restwertentwicklung selbst. Gerade bei neuen Technologien wie Elektro-Lkw ist die Entwicklung der Restwerte derzeit schwer vorherzusagen. Miet- und Leasingmodelle bieten hier zusätzliche Flexibilität und können einen Teil dieser Risiken abfedern. Viele Unternehmen setzen deshalb zunehmend auf gemischte Flottenstrategien, die Eigentum, Leasing und Miete miteinander kombinieren. Darüber hinaus gewinnen projektbezogene Fahrzeuglösungen an Bedeutung, um kurzfristig auf Marktveränderungen reagieren zu können.

 

Wie werden erfolgreiche Flottenstrategien im Jahr 2030 aussehen?

Die Flottenstrategien der Zukunft werden voraussichtlich weniger von einer einzelnen Technologie als von ihrer Anpassungsfähigkeit geprägt sein. Unternehmen müssen unterschiedlichste Antriebskonzepte, Finanzierungsmodelle und betriebliche Anforderungen miteinander kombinieren, ohne dabei die Wirtschaftlichkeit und Servicequalität aus den Augen zu verlieren.

„Die stärksten Unternehmen werden diejenigen sein, die ihr Kapital gezielt einsetzen, frühzeitig Erfahrungen mit neuen Technologien sammeln und ausreichend flexibel bleiben, um auf Veränderungen bei Kundennachfrage, Regulierung und Technologie reagieren zu können“, so Kraaij.  

Angesichts des rasanten technologischen und regulatorischen Wandels dürfte weniger die Entscheidung für eine einzelne Technologie als vielmehr die Fähigkeit zur Anpassung über den langfristigen Erfolg von Transportunternehmen entscheiden.